Donnerstag, 2. März 2017

Buchtipp Matschiess, Avantgardening

Matschiess, Torsten / Jürgen Becker Avantgardening: Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern 192 S. m. 228 Farbf. Ulmer 2017

Matschiess Avantgardening

Und wieder ein neuer Begriff in der Gartengestaltung!? Avantgarde heißt, daß man bestimte Regeln verlassen oder bewusst missachten muß, um zu etwas Neuem zu kommen. Durch seine Aktivitäten im Word-Wide-Web und einen Bericht über seinen Garten Alst in der "Gartenpraxis" (September 2014) ist der Autor, ehemaliger Partner einer Internetagentur, ein Quereinsteiger ohne Vorkenntnisse, der heute Gärten gestaltet und und Vorträge über Gartengestaltung hält, schon vielen Gartenfans bekannt. 2004 "flüchtete er vor der Staatsgewalt in den Garten", auf ein inzwischen 8.200 qm großes Ackerland in Brüggen am Niederrhein - humorvoll erzählt wird das am Anfang des Buches.

Nach dem Lesen vieler Gartenbücher und Besuchen in Gärtnereien, Gärten stellt er provokativ die "Regeln" der Gartengestaltung und Pflanzenverwendung in Frage, will keinem Trend folgen, sondern sucht die eigene Authentizität, oft abseits altbekannter Gartenstile. So schreibt er z. B. zum immer wieder propagierten standortgerechten Pflanzen:- "nur weil eine Pflanze in der Natur bestimmte Standortfaktoren bevorzugt, heißt das nicht, daß sie an anderen nicht gedeiht oder mehr Pflege benötigt. Hier helfen Testpflanzungen und Experimente weiter". Solche Testpflanzungen und Experimente stellt er in vier Kapiteln unterteilt vor, stellt seine ganz persönliche Gartenphilosophie, sein "Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern" vor: Das erste Jahr / Trends, Intuition, Lehrbuchwissen / Gestaltung im Detail / Lieblingspflanzen.

Matschiess nahm sich die Zeit (weit über ein Jahr), erst einmal zu schauen, was ohne sein Zutun auf dem Grundstück wächst - also die Ruderalvegetation zu beobachten und sich dann mit einer ökologisch und nachhaltig geplanten Bepflanzung daran zu orientieren. Zu den Experimenten zählt, ganz oder teilweise auf den Rückschnitt der Pflanzen und nach der Einwachsphase völlig auf Pflege zu verzichten. Er berichtet sogar von einem Beet, dass bis auf das Jäten einer einzelnen Brennessel nach der Anlage drei Jahre lang keinerlei Pflege bedurfte.

Im Abschnitt "Test auf Standfestigkeit" beschreibt er, wie er verschiedene Sorten von Kandelaber-Ehrenpreis (Veronicastrum virginicum) drei Jahre lang beobachtete und bewertete, bevor er dann zwei davon auswählte, um sie auf einer größeren Fläche auszupflanzen. Auch vom üblichen System der Sichtbegrenzung wird abgewichen: es gibt keine Hecken oder Zäune, sondern Gruppen von Gehölzen und hohen Stauden, die nicht abgrenzen und doch genügend privaten Raum oder Rückzugsbereiche bieten. Auf Dekoration wird sowieso komplett verzichtet, Rasen, gepflasterte Wege, Obst, Gemüse (bis auf Spargel) und Zwiebelblumen sind ebenfalls nicht zu finden. Acht Rosen sind vorhanden, umgeben von eher ungewöhnlichen Begleitpflanzen.

Seine sehr detailliert vorgestellten Lieblingsstauden sind vor allem Gräser und Großstauden, besonders die Knöteriche (Persicaria) und Wiesenknöpfe (Sanguisorba). 2011 fand in seinem Garten durch den Verein Perenne e.V. eine Sichtung der Knöteriche statt; er hat wohl Deutschlands größte Sammlung.
Man braucht allerdings schon ein größeres Grundstück für solch opulente Pflanzungen, die hier neben dem Text vor allem in wunderschönen stimmungsvollen Fotos des Autors und des bekannten Gartenfotografen Jürgen Becker in Szene gesetzt sind. Ein kommentiertes Literaturverzeichnis und kumuliertes Pflanzen-Sachregister runden den Bildband ab, dessen Einband aus Kunststoff allerdings nicht zum ökologischen Anliegen des Buches paßt.

Das Buch, das (beabsichtigte) Assoziationen mit dem Buch "Blackbox Gardening" und den Gärten von Piet Oudolf oder Petra Pelz hervorruft, ist die erste Veröffentlichung einer von Jonas Reif (Chefredakteur der "Gartenpraxis", der auch das Vorwort schrieb) herausgegebenen neuen Buchreihe über "besondere Highlights aus den Bereichen Gartengestaltung, Pflanzenwissen und -verwendung"; man darf auf Folgebände gespannt sein.

Hier wird jedenfalls viel Stoff zum Nachdenken (Gesprächsstoff!) geboten - werden neue Wege der Gartengestaltung und Pflanzenverwendung gezeigt, die, wie der Autor betont, aber "nicht zum Nachmachen, sondern zum Selbstmachen" anregen sollen!

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