Dienstag, 14. August 2012

Rezension Storl, Wandernde Pflanzen Neophyten

Wandernde Pflanzen: Neophyten, die stillen Eroberer - Ethnobotanik, Heilkunde und Anwendungen Storl, Wandernde Pflanzen
250 S. m. 70 farb. Fotos von Frank Brunke, AT Verlag 2012


Der Erfolgsautor Wolf-Dieter Storl erklärt das Wesen und den Nutzen von Pflanzen, die sich in den letzten Jahrzehnten neu bei uns angesiedelt haben - den sogenannten Neophyten. Storl geht bei allen erwähnten Pflanzen auf die biologischen, klimatischen und ökologischen Bedingungen, unter denen sie gedeihen ein - und regt dabei immer wieder zum Nachdenken an.
Mit Erstaunen berichtet er am Anfang, daß er während einer Reise in Südafrika hörte, daß Biologen Pflanzen, die er aus allen Teilen der Welt, auch aus Europa kennt (Portulak, Akazie, Wandelröschen, Seekiefer), hier ausrotten wollen. Weil sie nicht dorthin gehören, agressiv sind und die einheimischen Pflanzen verdrängen. Es ist nicht nur in Europa zum Thema geworden, Pflanzen den Kampf anzusagen.


Bei uns sind es der Riesenbärenklau, die kanadische Goldrute und das indische Springkraut, die Mahonie, sogar Topinambur ("vergessenes Gemüse") und andere, die die einheimische Vegetation verdrängen und deshalb bekämpft werden. Immer wieder gibt es Zeitungsmeldungen über Aktionen, die die Pflanzen ausrotten sollen. Krieg gegen die Natur, kann das gut sein? "Man rückt mit eingeführten Fressfeinden, Parasiten, Mehltau und Krankheiten gegen sie vor - wobei man meistens nicht weiß, was für weitere Auswirkungen diese wiederum auf die Umwelt haben". Einige, wie die Ambrosia, gelten gar als gesundheitsschädigend.
Dazu schreibt Storl: "Ein falsches medizinisches Paradigma und die daraus resultierende Praxis und nicht der Blütenstaub eines Neophyten wie die Ambrosia sind letztlich veerantwortlich für das zunehmende Auftreten von Heuschnupfen und Asthma. Die verteufelte Pflanze hat lediglich eine Alibifunktion. Sie ist der Sündenbock eines hilflosen und von der Natur entfremdeten Medizin-Establishments. Und andererseits ist es ein gutes Geschäft für die Medikamentenhersteller".


Und so hinterfragt er viele "Tatsachen", beschäftigt sich akribisch genau (belegt mit vielen Zitaten und Anmerkungen), emotional, persönlich und aus einem neuartigen Blickwinkel (eben dem des Ethnobotanikers) mit allen als Neophyt bezeichneten Pflanzen und ihrer Geschichte. Wann und warum, in welchem Zusammenhang sind sie zu uns gekommen?


Erstaunt habe ich z. B. gelesen, daß viele der heute als Einwanderer bezeichnete Pflanzen zurückgehend bis auf das voreiszeitliche Zeitalter ihren Standort gewechselt haben und so Teil der allmählichen Wiederbesiedlung unseres Erdteils sind, nachdem die Eiszeit die hiesige Vegetation praktisch ausgelöscht hatte.
Die große Einwanderungswelle geht dann auf Kew Gardens in London zurück. Pflanzensammler reisten in alle Erdteile, um neue Pflanzen dorthin zu bringen. Als sie sich dann eingelebt hatten, verbreiteten sich über ganz England. So kommt es, das England die größte Zahl an Neophyten in Europa aufweist. Das Franzosenkraut und das drüsige Springkraut verbreiteten sich z. B. von dort weiter aufs Festland. Der typische Zyklus der Einwanderer ist, so erläutert Storl: Einfuhr, Etablierung und Anpassung, dann Invasion, schließlich Sättigung und biologische Einbindung. Den Zeitraum zwischen der ersten Kultivierung und der sprunghaften starken Verwilderung nennt man im wissenschaftlichen Neudeutsch "time lag". Diese zeitliche Verzögerung ist bei jeder Art verschieden. Beim Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus), der aus Kleinasien und dem Kaukasus stammt, dauerte es 319 (!) Jahre.
In der letzten Phase ist der Neophyt nicht mehr agressiv; er tritt nur noch in normalen Mengen auf, weil sich Fraß-Feinde und Krankheiten gefunden haben, die ihn im Schach halten.


Er berichtet z. B. von der "Landplage" des 17./18. Jahrhunderts, wo die heute auf der roten Liste der bedrohten Arten stehende Saatwucherblume (Chrysanthemum segetum) die Getreide- und Kartoffelfelder überwucherte, aber nur auf sandigen, eher sauren Böden. Inzwischen ist die "böse" Saatwucherblume zur schönen Zierpflanze in Blumenbeeten geworden und Kräuterkundige haben sie als eine wurmtreibende und antiseptische Heilpflanze entdeckt. Sie ist also kein Problem mehr. Warum? Nicht wegen der damals staatlichen Ausrottungskampagne, sondern weil sich die Bedingungen für ihre Ausbreitung verändert haben.


Das - mit erstklassigen Fotos von Frank Brune illustrierte - Buch soll, kann den Leser dazu bewegen, die zugewanderten Pflanzen nicht nur als aggressive, bedrohliche Eindringlinge zu betrachten, sondern ihnen mit mehr Gelassenheit zu begegnen und sie lieber nutzbringend anzuwenden. Absolut lesens- und empfehlenswert!


Vollständiger Text hier!


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